Natürlich haben wir alle ein gewisses Körperbewusstsein, aber bei nur wenigen ist es voll ausgeprägt, und noch weniger schöpfen ihre Möglichkeiten, den Körper ganz zu erspüren, tatsächlich aus.

Wenn es Ihnen so geht, wie den meisten Menschen in unserer modernen Welt, dann fühlen Ihren Körper vielleicht nur unvollständig: wenn Sie sich z. B. Ihres Oberkörpers bewusst sind, so gilt das noch lange nicht für Ihre Beine und Füße, oder Sie spüren die rechte Körperhälfte intensiver als die linke.

Das größte Hindernis auf dem Weg zu mehr Körperbewußtsein ist, dass wir gar nicht bewusst sind, wie „unlebendig“ manche Körperteile sind. Wir haben uns daran gewöhnt, steif und verspannt zu sein und uns mehr unter dem Aspekt des Aussehens als des Fühlens zu betrachten.

Eine kleine Übung:

Ich möchte Sie zu der folgenden kleinen Übung einladen, damit Sie sich einen Eindruck davon machen können, wie sich Ihr Körper zur Zeit fühlt:

Setzen oder legen Sie sich irgendwohin, schließen Sie die Augen und spüren Sie nach, wie Ihr Körper den Stuhl, die Unterlage oder den Boden berührt. Achten Sie darauf, welche Körperteile sich beim Atmen bewegen. Durchwandern Sie aufmerksam und von innen heraus den ganzen Körper. Wieviel von sich selbst können Sie dabei erspüren? Gibt es Körperstellen, die Sie ganz deutlich fühlen und andere, die Sie weniger spüren? Erscheinen Ihnen manche leichter, größer oder wärmer als andere? Spüren Sie das Ende Ihrer Wirbelsäule … den Hinterkopf… Ihre Zehen? Gibt es einen Unterschied zwischen rechter und linker Körperhälfte? Fühlen Sie irgendwo Verspannungen oder Reize von heiß und kalt, ein Prickeln, eine Art Behaglichkeit oder Unwohlsein?

Vielleicht wundern Sie sich, was Sie bei diesem Experiment alles herausfinden. Viele Menschen entdecken dabei, dass sie ihren Körper gar nicht spüren, sondern gleichsam mit dem inneren Auge das Bild sehen, das sie sich von ihm machen. Wiederholen Sie den Versuch von Zeit zu Zeit und achten Sie darauf, ob sich etwas verändert.

Warum ist Körperbewusstsein wichtig?

Nicht umsonst wird der Körper in vielen Kulturen als Tempel der Seele bezeichnet. Wenn man sich z. B. die Menschen in Lateinamerika , Indien oder Afrika, um nur einige zu nennen, anschaut, stellt man immer wieder erstaunt fest, wie anders sie sich bewegen – viel ungezwungener, lockerer, entspannter. Während sich in unserer westlichen, zivilisierten Welt nur wenige Menschen ganz wohl in ihrer Haut zu fühlen scheinen und kaum noch die natürliche Anmut der Bewegungen besitzen, bewegen sich die Leute dort viel freier, selbstbewusster, einem natürlichen, inneren Rhythmus folgend – sie sind zu Hause in ihrem Körper.

Als Kleinkind fühlen wir uns in unserem Körper wohl. Von früh bis spät sind wir damit beschäftigt, Erfahrungen zu sammeln und neue Dinge zu erforschen. Wir entdecken unseren Gleichgewichtssinn, unsere Kraft und Geschicklichkeit. Wir leben „sinnlich“, nehmen viele Eindrücke auf und begegnen anderen Menschen spontan, ehrlich und unvoreingenommen. Wir leben in unserem eigenen Rhythmus, die Energie wird nicht durch Spannung blockiert, die natürliche Empfindungsfähigkeit ist einfach noch vorhanden.

Wenn wir erwachsen werden, geht viel von dieser Spontaneität und Aufnahmefähigkeit verloren, das Gefühl des Verbundenseins mit dem eigenen Körper geht zunehmend verloren, wir entfernen uns immer mehr von unserem physischen Selbst. Je mehr wir aus dem Kopf leben, umso mehr unbehaglicher und unzufriedener über unser Äußeres werden wir. Bewegungsabläufe werden mechanischer und immer weniger harmonisch.

Zunehmendes Körperbewusstsein bringt diese ursprüngliche Harmonie wieder zurück, beruhigt den Verstand und belebt die Sinne. Wenn Sie lernen, auf festerem Grund zu stehen und sich zu bewegen – mit geschärftem Sinn für die Mitte –, wird Ihre Selbstsicherheit und Standfestigkeit größer. Sie geraten nicht so leicht aus dem Gleichgewicht. Wenn Geist und Körper gleichberechtigt nebeneinander agieren, erleben Sie ein neues Gefühl der Ganzheit. Sie empfinden sich selbst lebendiger, weil die Energieströme den ganzen Körper durchfließen und Sie dies nun auch wahrnehmen.

Mit zunehmendem Körperbewusstsein werden Sie auch die subtilen Botschaften Ihres Körpers besser verstehen lernen und manchen Krankheiten vorbeugen. Oft arbeiten wir über unsere Grenzen hinweg, obwohl unser Körper uns ständig signalisiert, dass jetzt endlich einmal Ruhe und Erholung angesagt ist. Je besser Ihr Kontakt zu sich selbst und zu Ihrem Körper ist, um so mehr wirken Sie Stress und Verspannung entgegen. Je mehr Sie die Bedürfnisse Ihres Körpers achten und respektieren, umso besser und gesünder werden Sie sich fühlen, was sich positiv auf alle Bereiche Ihres Lebens auswirken wird.

Oft verlieren wir uns im Alltagsgeschäft in Nebensächlichkeiten, in Grübeleien über eine nicht abgeschlossene Vergangenheit oder eine imaginäre Zukunft. Die bringt uns unseren wichtigen Zielen nicht näher und verursacht eine Menge Stress. Hier eine kleine Übung, die Sie augenblicklich in den gegenwärtigen Moment zurückbringt:

Wenn Sie die Zeit dafür erübrigen können, dann machen Sie einen kleinen Spaziergang (Sie können das zur Abwechslung auch in Ihrer Mittagspause tun); wenn dies nicht möglich ist, dann können Sie die Übung aber auch an jedem anderen Ort durchführen.

1) Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf irgendein Objekt und fragen sich still: „Was ist jetzt wirklich wichtig?“

2) Bleiben Sie mit Ihrer Aufmerksamkeit bei dem Objekt und antworten sich still: „Nur das“.

3) Machen Sie dies mit verschiedenen Objekten.

4) Wiederholen Sie die Übung mit der Frage: „Was ist jetzt hier?“

5) Antworten Sie wieder mit: „Nur das“.

6) Machen Sie auch dies mit verschiedenen Objekten.

Machen Sie diese kleine Übung, so oft sich Ihnen die Gelegenheit dazu bietet – möglicherweise gehen Ihnen die Gelegenheiten irgendwann aus (weil Sie sich nur noch in der Gegenwart befinden)

Stöhnen Sie manchmal unter der Last der Aufgaben? Darüber, dass Sie kaum Zeit haben für die Dinge, die Sie eigentlich schon immer mal machen wollten, aber nie dazu kommen? Dann probieren Sie einmal folgendes:

Erstellen Sie eine Liste derjenigen Dinge oder Tätigkeiten, die Ihnen wirklich wichtig sind, die Ihnen am Herzen liegen. Dann schreiben Sie auf ein anderes Blatt, womit Sie Ihre Zeit tatsächlich verbringen.

Nun vergleichen Sie beide Listen. Möglicherweise werden Sie dabei ein krasses Missverhältnis feststellen. Könnte es sein, dass die Zeitliste die „wahre“ Liste ist? Und wenn Sie jetzt die Entschuldigung parat haben, das sei so, weil das von Ihnen erwartet wird: Fragen Sie sich mal, warum Sie diesen Erwartungen entsprechen wollen, und ob das auch in Zukunft so bleiben soll. Wenn ja, stehen Sie dazu und hören auf, über fehlende Zeit zu klagen.

(Nur so als Idee: Wir wäre es für Sie, das, was Sie tun müssen, mit mehr Freude zu tun und darüber hinaus mehr von dem zu tun, was Sie wirklich gern tun möchten?)

 

Achtsamkeit ist die völlige Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Augenblick. Wenn Sie jetzt glauben, das nicht zu können, lade ich Sie zu einem weiteren Experiment ein:

Nehmen Sie einen handlichen Gegenstand, zb. B. ein Stück Obst (ein rohes Ei macht es noch wirkungsvoller ;-)) oder Ihren Schlüsselbund und werfen Sie ihn in die Luft. Bleiben Sie entspannt und locker, und fangen Sie ihn wieder auf.

Jetzt rufen Sie sich den Augenblick in Erinnerung, als Ihr Gegenstand in der Luft schwebte. An was haben Sie in dem Moment gedacht? An Ihr Frühstück? An die Arbeit, die noch vor Ihnen liegt? An das, was Sie gestern getan haben? Oder haben Sie in dem Moment vielmehr an nichts gedacht, sondern waren mit Ihrer ganzen Aufmerksamkeit bei dem Gegenstand? Vielleicht gingen Ihnen vorher irgendwelche Gedanken durch den Kopf, bevor Sie den Gegenstand in die Luft warfen, oder nachdem Sie ihn gefangen hatten. Doch während des Wurfs waren Sie nichts als reine Aufmerksamkeit! Sie hielten Ihre Arme bereit und warteten darauf, dass der Gegenstand wieder herunterfiel. Sie waren völlig offen und präsent, und Ihr Körper war wach und voller Energie. Ist das nicht ein äußerst angenehmes Gefühl?

Wollen Sie mehr davon? Am liebsten immer?

 

Betrachten Sie Ihren linken Daumennagel für die Dauer von zwei Minuten; wenn Ihre Aufmerksamkeit abschweift, dann holen Sie sie ganz einfach wieder zurück und machen weiter.

Wesentlich ist, dass Sie sich nicht dazu zwingen, sich auf etwas zu konzentrieren – es geht um sanfte, entspannte Aufmerksamkeit. Gedanken und Gefühle, die Ihre Aufmerksamkeit ablenken, werden nicht unterdrückt oder ausgeblendet, sondern einfach wahrgenommen; sie versuchen auch nicht, sie loszuwerden. Lassen Sie Ihre Aufmerksamkeit mühelos wieder zu Ihrem Daumennagel zurückwandern.

Wiederholen Sie dies mit Ihrem rechten Daumennagel, dem Sekundenzeiger Ihrer Uhr und mit weiteren Objekten.

Und nun: nehmen Sie sich einen Augenblick Zeit, wo Sie nichts anderes tun, außer einfach irgendetwas wahrnehmen. Wie würden Sie es bezeichnen? Und wie ist es, wenn Sie das Objekt einfach nur wahrnehmen, ohne es mit irgendetwas zu bezeichnen?

Dann: fahren Sie fort mit dem achtsamen Wahrnehmen Ihrer Umgebung und beobachten weiter, was es dort alles gibt:

  • Was können Sie dort alles an Farben und Formen bemerken?
  • Was gibt es dort alles an geraden Linien und gekrümmten Linien?
  • Welchen Raum nehmen die Dinge ein?
  • Und: können Sie auch den Raum zwischen den Dingen wahrnehmen?
  • Wie fühlt es sich an, die Dinge zu sein?

 

Genießen Sie die Übungen und machen Sie sie, so oft Sie nur möchten.

 

Ein Tipp für den Alltag:

Schaffen Sie sich Erinnerungshilfen, um für einen Augenblick innezuhalten und achtsam zu sein, z. B. bestimmte Geräusche wie das klingelnde Telefon oder ein hupendes Auto oder das Läuten von Glocken. Seien Sie kreativ.

Seien Sie bei allem, was Sie tun, achtsam und bewusst – so wird der Alltag zu Ihrer Übung in der Gestaltung eines entspannten und bewussten Lebens.

 

Achtsamkeit ist die Quelle von Lebensfreude und innerer Kraft

Hier ein zweiteiliges Experiment, um den Unterschied festzustellen:

  • Gehen Sie fünf Minuten lang durch einen Raum (oder in der freien Natur). Lassen Sie dabei Ihren Blick ins Leere gehen und lassen Sie zu, dass Sie mit Ihrer Aufmerksamkeit davongleiten. Wenn Ihnen dies nicht gelingt, dann bleiben Sie stehen und starren ins Leere. Beobachten Sie die Reaktion in Ihrer Stimmung und in Ihrem Gefühl, die Sie damit auslösen.

 

  • Danach gehen Sie fünf Minuten lang durch den Raum (oder in der freien Natur) und sehen Sie abei alles, was Sie sehen, intensiv an. Seien Sie, so mühelos, wie es Ihnen möglich ist, mit Ihrer vollen Aufmerksamkeit bei dem, was Sie gerade anschauen – jedes Detail, jede Kante, jeder Umriß, jede kleine Unebenheit. Sehen Sie dabei möglichst „wach“ in die Welt. Beobachten Sie erneut Ihre Reaktionen in der Stimmung und im Gefühl, die Sie damit auslösen.

 

Haben Sie Unterschiede zwischen den beiden Teilen des Experimentes feststellen können, und wenn ja, welche?

Welche Auswirkungen könnte es wohl auf die Qualität Ihres Lebens haben, den Dingen bzw. anderen Menschen und dem Leben an sich mehr Aufmerksamkeit zu schenken?

 

Schauen Sie sich um und finden Sie ein neutrales Objekt: eine Kaffeetasse, ein Bild oder eine Pflanze. Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf dieses Objekt. Versuchen Sie nichts weiter, als dieses Objekts bewusst wahrzunehmen. Achten Sie nun darauf, wie lange es dauert, bis Ihr Bewusstsein abschweift und Sie an etwas anderes denken. Sobald Ihnen auffällt, dass Ihre Gedanken „woanders“ sind, richten Sie Ihre Aufmerksamkeit wieder zurück auf das gewählte Objekt.

Wiederholen Sie dies einige Male, bis Sie ein Gefühl für die Angewohnheit Ihres Geistes bekommen, in die Vergangenheit oder in die Zukunft abzudriften. In diesem Zustand leben wir die meiste Zeit unseres Lebens. Statt in der Gegenwart zu leben, erledigen wir die meisten Dinge gewohnheitsmäßig, in einer alltäglichen und erschöpfenden Routine. Wir stehen morgens auf, duschen und ziehen uns an. Wir denken darüber nicht viel nach, sondern tun es einfach. Der Rest des Tages vergeht in etwa der gleichen Weise.

Das Ergebnis ist ein gewisser Grauschleier über dem ganzen Leben; das Leben wird nicht wirklich gelebt, sondern wir machen es irgendwie mit, und in diffusen Träumen erinnern wir uns an das, was geschehen ist. Erst wenn etwas unvorhergesehens und außergewöhnliches in unser Leben tritt, wachen wir auf.